Webring: Blogs von Juden in Deutschland
|
 |
 |
 |
 |
 |
 Web Counter by www.webcounter.goweb.de
http://myblog.de/juedisches-berlin
Gratis bloggen bei myblog.de
|
Integration patrilinearer Juden in die jüdische Gemeinschaft in Deutschland
oder: alle Jahre wieder ... (Teil 2)
Bei der Jahrestagung der Union progressiver Juden hatte ein Workshop aus meiner Sicht überraschend großen Zulauf. Warum überraschend? Es war nicht der erste Workshop zu diesem Thema auf einer solchen Zusammenkunft.
Ich erinnere mich daran, daß es schon zu den Zeiten als die Jahrestagung noch in Arnoldshain stattfand - also vor mehr als 10 Jahren und es noch keinen Zusammenschluß liberaler Gruppen und Gemeinden zur Union progressiver Juden gab - ein solches Workshop-Thema angeboten wurde. Damals hieß es "Kinder jüdischer Väter", aber egal ob man es so, "Vaterjuden", "patrilineare Juden" oder "nicht-halachische Juden" nennt, scheint es in den letzten Jahren doch mehr in den Blick zu kommen, und zwar aufgrund der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Für die ist es unbegreiflich, daß sie in der ehemaligen Sowjetunion mit einem jüdischen Vater und einer nicht-jüdischen Mutter meist als Juden galten und als solche diskriminiert wurden, aber in Deutschland nicht als Juden gelten.
Aber schauen wir nochmal gut zehn Jahre zurück. Damals fanden sich bei einem Workshop "Kinder jüdischer Väter" gerade mal ein Dutzend Leute zusammen. Sie waren selbst davon betroffen. Die meisten von ihnen waren als Kinder verfolgt worden und hatten im Versteck überlebt. Von den Nazis als Juden definiert, wurden sie in den jüdischen Gemeinden der Nachkriegszeit ausgegrenzt und wollten nun einerseits Austausch mit Gleichgesinnten und auch herausfinden, ob sie in den liberalen Gemeinden einen Platz finden konnten.
Mitte der 90iger Jahre hatte es in Arnoldshain bereits einmal ein Wochenendtreffen für "Kinder jüdischer Väter" gegeben. Sowohl solche, die in der Nazizeit verfolgt worden waren als auch Angehörige der zweiten Generation waren gekommen. Über dieses Treffen ätzte die Allgemeine jüdische Wochenzeitung: "Hilfe, die Bastarde kommen" - so die Überschrift eines Artikels über diese Zusammenkunft. Dererleit publizistische Entgleisungen wären heute nicht mehr möglich.
In dieser Frage hat sich insofern ein Wandel vollzogen, daß darüber ernsthaft gesprochen wird. Der Workshop wurde hauptsächlich von Leuten besucht, die selber nicht betroffen waren, aber in ihren Gruppen und Gemeinden mit dem Thema zu tun haben. Sogar mehrere Vorstandsmitglieder aus unterschiedlichen liberalen Gemeinden waren dabei.
Der Workshop wurde von einem Gemeindemitglied aus Hannover gehalten, Leonid Friedmann. Er stammt aus der Sowjetunion, hat zwei Kinder und ist mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet. Er hatte einen neun Seiten langen Text vorbereitet. Der wurde absatzweise vorgelesen, erst auf russisch, dann in deutscher Übersetzung. Als die Hälfte der Workshopzeit von 90 Minuten vorbei war, war gerade mal die Hälfte des Textes verarbeitet. Da kam Unmut unter den Teilnehmenden auf, denn die meisten wünschten sich eine Diskussion. Dies wurde aber erst einmal von einem der Vorstandsmitglieder zurückgewiesen mit dem Argument, es sei jedem Workshopleiter selber zu überlassen, wie er den Workshop gestalten wolle. Ja schon, aber in der Natur eines Workshops liegt es, daß man diskutiert, und wenn jemand eine Vorlesung halten will, dann soll er das vorher ankündigen bzw. ist es auch Aufgabe der Leute, die Workshops organisieren, den Workshopleitern deutlich zu machen, was ein Workshop ist.
Nun wurde beschlossen, daß die restlichen Ausführungen nur noch auf deutsch vorgelesen werden. So blieb noch etwas Diskussionszeit. Der Inhalt des Papiers von Herrn Friedmann lief auf die Forderung hinaus, alle patrilinearen Juden aus der Sowjetunion als Juden anzuerkennen und in die Gemeinden aufzunehmen. Es liege eine einmalige historische noch nie dagewesene Tatsache durch diese Zuwanderung vor. Außerdem würde das den jüdischen Gemeinden zugute kommen, deren Mitgliederzahl sich in den nächsten Jahren vermindern würde.
Wenn man dem Referenten zuhörte, bekam man den Eindruck, daß die patrilinearen Juden aus der Sowjetunion nun in Massen vor den Türen der jüdischen Gemeinden Schlange stehen um aufgenommen zu werden. Die Argumente des Referenten waren sehr engagiert vorgetragen, aber in vielen Details nicht konsistent. So führte er seine Argumentation selber ab absurdum als er auf Beispiele aus seinem Bekanntenkreis zurückgriff, zum Beispiel auf eine Person, die hier engagiertes Kirchengemeindemitglied ist bzw. auf jemand anderen, der Muslim ist, aber aufgrund eines jüdischen Großelternteils einwandern konnte.
Mir ist nicht klar, warum eine solche Form der Integration patrilinearer Juden - wenn man sie denn schon fordert - nur auf die bezogen sein sollte, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Es gibt genug andere im Umfeld jüdischer Gruppen und Gemeinden.
Rabbiner Henry Brandt und Rabbiner Michael Leipziger äußerten sich zu Herrn Friedmanns Ausführungen. Rabbiner Brandt mehr sarkastisch und Rabbiner Leipziger sehr freundlich und klar. Rabbiner Leipziger machte deutlich, daß die Situation der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in dieser Hinsicht doch nicht so einmalig sei wie der Vortrag nahelegt. Es gäbe keine schnellen und einfachen Lösungen und solche Lösungen müßten sowohl in der Verantwortung gegenüber der jüdischen Vergangenheit als auch der jüdischen Zukunft gegenüber getroffen werden. Sie müßten über lange Zeit hinaus Bestand haben und in Verantwortung auf die jüdische Gemeinschaft als Ganze getroffen werden.
Viele Anwesende (mehr als 60 Leute) äußerten Interesse an den Ausarbeitungen von Herrn Friedmann. Das Thema wäre so wichtig, daß darüber in den Gemeinden weiter gesprochen werden müsse.
|
|
|
|