Am übernächsten Sonntag werden die Berliner per Volksentscheid über "pro Reli" abstimmen. Soll der Religionsunterricht - wie die Kirchen das wollen - Wahlpflichtfach werden (die Alternative wäre das Fach Ethik) oder sollen - wie bisher - alle ab der siebten Klasse den Ethik-Unterricht besuchen und Religion - wie bisher - von der ersten bis zur letzten Klasse Wahlfach bleiben, zumindest soweit es christlichen Religionsunterricht betrifft.
Die Plakat-Frequenz in den Straßen nimmt von Tag zu Tag heftig zu. Man stolpert spätestens alle 50 Meter über eines. Auch in der medialen Berichterstattung werden nochmals alle Argumente dafür oder dagegen ausgetauscht.
Im Tagesspiegel von heute äußert sich Benjamin Korn zur Fragestellung "pro-Reli oder pro-Ethik? Gesinnung gehört nicht in die Schule. Ein Beitrag zur Berliner Debatte aus französischer Sicht".
Er meint:
Wie die Sache in Berlin ausgeht, ist keineswegs klar, zumal die Initiative, religiöse Gesinnungen wieder schulfähig zu machen unter dem Motto der „Wahlfreiheit“ und „Toleranz“ firmiert, Begriffe, die von der europäischen Aufklärung erfunden worden waren, um sich von der Intoleranz und Gedankenfinsternis der Religionen abzusetzen. Die Religionen nehmen gern den Begriff der Freiheit in Anspruch, wenn es um ihre Rechte geht. Wo sie an der Macht sind, gewähren sie Freiheit nur ungern...
und erklärt, warum im laizistischen Frankreich eine solche Abstimmung nicht möglich wäre, weil sie gegen dort geltende Gesetze verstößt.
Er kommt zu dem Schluß:
Nicht Gesinnungen, sondern nachprüfbare Wahrheiten gehören in den Schulunterricht. Natürlich sollen die ideengeschichtlichen Gehalte aller Religionen in der Klasse diskutiert und miteinander verglichen werden, freilich vor dem „Richterstuhle der Vernunft“. Die religiösen Ideologien selbst, die um die Seelen der Menschen konkurrieren und auf unbeweisbaren Dogmen beruhen, die ihren Begründern (Moses, Jesus, Mohammed) angeblich durch göttliche Offenbarungen eingeflüstert wurden, haben im Lehrplan einer öffentlichen Schule nichts zu suchen. Religion führt zu Rechthaberei, zur Unterstreichung der Differenzen, zu Hochmut, zu Feindseligkeit. Es wäre schade für Berlin und seine kosmopolitische Bevölkerung, wenn es der Pro-Reli-Bewegung gelänge, die Trennung von Schule und Kirche wieder rückgängig zu machen, mit der die Stadt endlich in der Moderne angekommen ist.
Am Donnerstag den 23. April um 19.00 h veranstaltet die jüdische Gemeinde zu Berlin im Centrum Judaicum eine Podiumsdiskussion. Die Pro-Fraktion vertreten Rabbinerin Gesa Ederberg und der Vorsitzende der Pro-Reli-Initiative Martin Lindner. Die Contra-Position von Pro-Ethik vertreten die Alewitin Devrim-Deniz Nacar (Lehrerin) und Michael Müller, der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende des Landes Berlin.
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