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Auf ins Rado

19. Januar 2007

Ein neues koscheres Café hat im Bezirk Mitte eröffnet – nicht in der hippen Mitte rund um die Oranienburger Straße und auch nicht in der momentan angesagten Club- und Ausgehmeile um die Kastanienallee im Prenzlauer Berg, sondern so quasi im toten Winkel dazwischen, nämlich in der Brunnenstraße, in der Nachbarschaft der Jeschiwa der Ronald Lauder Stiftung, die ihren neuen Standort in der ehemaligen Privatsynagoge von Beth Zion und den Wohngebäuden drumherum hat.

Von außen weist überhaupt nichts darauf hin, dass es sich um etwas Jüdisches handelt: kein koscher-Schriftzug im Fenster, keine Polizei vor der Tür. Deswegen habe ich es auch vor drei Wochen übersehen als ich in der Gegend war.

Der Raum ist groß, hell und luftig: eine angenehme, weite Atmosphäre. An der Kuchentheke kann man zwischen verschiedenen hausgemachten, leckeren Kuchen wählen. Das Personal ist freundlich und flink.

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Der Raum ist in unterschiedliche Sitzecken aufgeteilt. Man kann auch direkt am Fenster auf Barhockern sitzen und dem Leben auf der Brunnenstraße zuschauen.

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An der Wandbemalung in einer Ecke sieht man den Eiffelturm. Das Café hat französiches Flair. Im Hintergrund laufen französiche Chansons. Mal was anderes jenseits von Klezmer oder israelischer Musik. Die Speisekarte ist klein, aber abwechslungsreich. Es gibt fünf Frühstücksangebote, Toasts, Sandwiches (von 2,60 € bis 3,50 €), mehrere Pizzen im Preisspektrum von 5,80 € (Margeritha) und 7,30 € (Lachs). Es gibt einige Salate und einige Platten (Fisch, Käse und oriental) und drei warme Gerichte. Ein durchaus verheißungsvoller Anfang.

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Das Publikum ist bunt gemischt. Ein Student von der Jeschiwa, eine Frau, die ihr Kind gerade vom jüdischen Kindergarten nebenan abgeholt hat und einige nicht-jüdische Leute aus dem Stadtteil. Avi, sehr enthusiastisch und nach eigenem Bekunden „Mädchen für alles hier“ erzählt mir, dass das Café gut angenommen wird.

„Wir wollen das jüdische Leben zurück in den Osten (der Stadt – meint er) bringen, wo es seit der Schoah unterbrochen war. Man soll auch hier wieder koschere Produkte bekommen können so wie früher“, denn im hinteren Bereich des Raumes kann man koschere Lebensmittel einkaufen. Nun ja, relativiere ich seinen Standpunkt, es sei ja nicht so, dass es in Ostberlin keine jüdische Gemeinde gegeben habe. Die war zwar sehr klein, zuletzt vor der Wende etwas über 200 Mitglieder, aber alle zwei Wochen sei geschächtet worden und koscheres Fleisch sei gar nicht weit von hier verkauft worden.

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Das Cafe steht unter der Aufsicht vom Gemeinderabbiner Yizhak Ehrenberg. Die koscheren Lebensmittel werden vorwiegend aus Frankreich importiert. Das Fleisch kommt aus Antwerpen und Wien. Ich staune, dass man ein Kilo Hähnchen für 3,80 € bekommt.

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Und was ein absolutes Novum ist: Hier bekommt man koschere Milch (chalav Jisroel), die in der Region produziert wird, auf einem Bauernhof in Brandenburg jeweils montags.

Jeden Montag wird sie ab 12.00 Uhr im Laden erhältlich sein und knapp einen Euro kosten, etwa so viel wie im Bioladen, obwohl die Kriterien für die Herstellung koscherer Milch strenger seien als die für Öko-Milch. In Kürze soll es dann auch Hartkäse mit vegetarischem Lab geben.

Ich habe Avi nicht gefragt, ob er von der vielfältigen jüdischen Geschichte der Brunnenstrasse gehört hat. Vor mehr als zehn Jahren habe ich dazu recherchiert. Es gab viele jüdische Bewohner und Gewerbetreibende hier, besonders Schneidereien. In einem Hinterhof habe ich damals noch eine Schrift an der Wand gefunden, die auf die „Schneiderei Mandelkern“ hinwies. Die Brüder Weinberger – sie waren die größten Butterhändler in Deutschland – hatten ihren Stammsitz in dieser Straße und über hundert Filialen im ganzen Land. Oskar Berliner betrieb eine Brauerei. Wenn man es weiß, dann sieht man sein Signet noch heute in der Eingangstür des Hauses ein B (für Berliner) in einem Oval (für Oskar).

Nicht weit entfernt davon war das Minna-Schwarz-Heim, ein Mütter- und Säuglingsheim für arme Wöchnerinnen. Später war hier auch eine der ersten Mütterberatungsstellen in Berlin. Auch Säuglings- und Kinderpflegerinnen wurden hier ausgebildet. Und noch später – kurz vor der Nazizeit – wurde ein Teil des Hauses als Altenheim genutzt. Später wurde das Gebäude zum Judenhaus und noch später zum Deportationssammellager. In der zweiten Hälfte der 90iger Jahre war im Nachbarhaus Babel TV, der für den Spreekanal, einen Privatsender, ein jüdisches Programm produziert hat. Auch an den Kulturverein Chagall kann ich mich erinnern. Es war ein Anlaufpunkt vorwiegend für Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.

Diese Geschichten haben niemanden interessiert. Nach einigen Fehlversuchen habe ich die öffentliche Führung über das jüdische Leben in der Brunnenstraße wieder aus meinem Programm genommen.

Ich werde noch heute meinen Freund Nathan anrufen. Er wurde 1916 geboren und war Sohn des vorletzten Rabbiners der Privatsynagoge Beth Zion, Levi Höxter. Nathan gehörte zur Gruppe der ersten sechs Jugendlichen, die mit der Jugendalijah nach Palästina ausreisen konnten. Seit Jahrzehnten lebt er in einem Kibbuz und freut sich immer, wenn ich ihm von der alten Heimat erzähle.

Er ist heute nicht mehr religiös. Er hat viele Jahrzehnte in der Landwirtschaft seines säkularen Kibbuz gearbeitet. Für Milch, die chalav Yisroel ist, wird er sich nicht erwärmen können. Ich erinnere mich an seine Empörung darüber als er sah, dass in einem religiösen Kibbuz Milch, die vom Schabbat war, weggekippt worden ist. Da der Schabbat auch für Tiere gilt, verwenden fromme Juden diese Milch nicht, „aber sie hätten sie doch anderen – zum Beispiel palästinensischen Kindern geben können“ meinte Nathan. Aber er wird sich dennoch freuen über diesen neuen Anfang jüdischen Lebens in der Brunnenstraße.

Und mir wurde an der Brunnenstraße heute wieder deutlich, wie vielschichtig Geschichte ist. Das Rado ist jedenfalls eine Bereicherung der kulinarischen Landkarte im allgemeinen und der koscheren im besonderen.

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Irène Rado

Brunnenstraße 26
10119 Berlin
Tel / Fax 030 / 554 99 157
U 8 Bernauer Straße, Tram 12 Veteranenstraße

Öffnungszeiten:
So 11.00 h – 21.30 h
Mo – Do 10.00 h – 21.30
Fr 10.00 bis 2 Stunden vor Schabbatbeginn

Koscheres Catering, Challe bis Do mittags bestellen
18.1.07 19:43
 



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