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Wer kennt Grete Loebenstein (1899 - 1990)? - oder die Gegenwärtigkeit des Vergangenen

Bis 13. Januar 2008 kann man sich im Potsdamer Kutschstall die Ausstellung "ein Leben für die Keramik", in der als Retrospektive das Lebenswerk der Keramikerin Hedwig Bollhagen gezeigt wird. ansehen. Hedwig Bollhagen ist derzeit in aller Munde: im Stadtbild, in der U-Bahn hängen Werbeplakate für die Ausstellung, in lokalen Radio- und TV-Sendern wird viel über diese Ausstellung berichtet.

Doch in schöner Regelmässigkeit wird bei der Berichterstattung unterschlagen, daß Hedwig Bollhagen nicht aus dem Nichts ihre keramischen Werkstätten in Marwitz aufbaute, sondern daß da schon vorher etwas oder besser gesagt jemand war: Grete Loebenstein geborene Heymann, die in der Keramikklasse am Bauhaus in Weimar studiert hatte.

Die Berliner Morgenpost veröffentlicht heute im Kulturteil einen Artikel "die große Kunst der Hedwig Bollhagen", in dem eine - wenn auch geschönte - Andeutung dessen, was passiert ist, einfließt: unter "Geschichte der HB-Werkstätten" heißt es:

Die Ausstellungsmacher haben sich Bollhagens Privatleben, aber auch der wechselvollen Geschichte der in der DDR 1972 verstaatlichten und 1992 reprivatisierten HB-Werkstätten gewidmet. Erst kürzlich war nochmals hinterfragt worden, ob Bollhagen ihre Werkstatt 1934 als Profiteurin der NS-Arisierungspolitik unter Wert von der jüdischen Keramikerin Grete Loebenstein kaufte. Die Kulturwissenschaftlerin Ursula Hudson-Wiedenmann weist darauf hin, dass Loebenstein ab 1961 wiederholt als "Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung" anerkannt und 1985 für den Zwangsverkauf ihres Unternehmens entschädigt wurde. Kuratorin Gorka-Reimus erklärt jedoch, Loebenstein habe sich neuesten Erkenntnissen zufolge schon im Juli 1933 zur Schließung ihres Betriebes entschlossen, nachdem sie von einem Mitarbeiter wegen einer Bemerkung gegen das NS-Regime denunziert worden war. "Dieser Zeitpunkt war für eine Arisierung zu früh."

Beim Lesen dieses Artikels mußte ich an ein Erlebnis Mitte der 1990iger Jahre zurückdenken. Eine Freundin, die in der Emigration überlebt hatte und später in England gelebt hatte, wo sie natürlich auch zu jüdischen Emigrantenkreisen Kontakt hatte, bekam einen Brief von der Tochter von Grete Loebenstein. Diesem Brief waren viele Unterlagen beigelegt. Telefoniert hatten die beiden bereits als G. mich fragte, ob ich mir die Unterlagen anschauen würde. Sie hätte gerne meine Einschätzungen zu diesem Sachverhalt.

Die Tochter von Margarethe Loebenstein, Esther Marks - ihre Mutter war vor einiger Zeit verstorben, war verbittert ob der Ungerechtigkeit, die ihrer Mutter widerfahren war. Grete Loebenstein war eine Keramikerin aus der Bauhausschule und floh schon 1933. Ihre Hael-Werkstätten hatte sie weit unter Wert verkaufen müssen.

Heinrich Schild, ein persönlicher Freund von Hedwig Bollhagen und Generalsekretär und Gleichschaltungsbeauftragter des Reichsstandes des deutschen Handwerks und Mitglied der NSDAP, hatte Grete Loebenstein massiv unter Druck gesetzt, so die Tochter Loebenstein.

Heinrich Schild war es dann auch, der von 1933 bis 1945 mit Hedwig Bollhagen die Fabrik leitete. In früheren Darstellungen über die Geschichte der keramischen Werkstätten von Hedwig Bollhagen stieß ich oft auf die Version, daß es sich um ein völlig verfallenes, heruntergekommenes und verrottetes Areal gehandelt habe. Wie - so frage ich micht - war es dann möglich, daß die Produktion schon wieder vier Tage nach dem Kauf beginnen konnte? Wobei das Wort "Kauf" hier unpassend ist. Kurz bevor die Nazis an die Macht kamen, hatte Grete Loebenstein ein Kaufangebot von 300 000 Reichsmark ausgeschlagen. Auf 45 000 Reichsmark lautete dann der Preis im "Kaufvertrag", den die Tochter Loebenstein in Kopie nach Berlin geschickt hatte.

Einen Schlüssel dafür lieferte eine Aussage der Tochter Loebenstein. Ihre Mutter habe die ganzen Rohlinge - ich erinnere das genaue Wort nicht mehr und weiß nicht, ob dieser Ausdruck keramisch korrekt ist - zurücklassen müssen sowie die Farbmischungen der Glasuren und die Dekors.

Meine Freundin G. wollte nun wissen, wie Hedwig Bollhagen die ganze Sache sieht, machte mit ihr einen Termin aus und fuhr nach Marwitz. Es war ein aufschlußreiches Gespräch. G. gewann das Vertrauen von Hedwig Bollhagen sogar soweit, daß diese ihr einen Schrank aufschloß. Meine Freundin, die in der DDR gelebt hatte, bezeichnete ihn im Gespräch mit mir als "Giftschrank". Für Wessis zur Erklärung: In DDR-Bibliotheken war bestimmte Literatur, die nur auf speziellen Antrag und für Forschungszwecke zugänglich gemacht wurde, in einem "Giftschrank" deponiert.

Ich erinnere mich daran, daß G. erzählte, in diesem "Giftschrank" seien unter anderem die "Rohlinge" der Grete Loebenstein gewesen. Sie hat Hedwig Bollhagen auch daraufhin angesprochen, wie das mit den Keramik-Glasurfarben und den Dekors gewesen sei.

Hedwig Bollhagen meinte, unter Künstlern sei das so, daß der eine was beim anderen sähe. Und das entwickle man dann weiter. Moralisch fühlte sie sich völlig im Recht, auch wenn sie einräumte, da möge schon einiges damals "unglücklich gelaufen" sein, worauf sie wiederum keinen Einfluß gehabt habe.

Vielleicht findet sich dereinst einmal jemand, der Kunstgeschichte studiert hat und eine Promotion schreibt über den Zusammenhang zwischen den Formen, Farben und Dekors der Grete Loebenstein und von Hedwig Bollhagen. Gerne würde ich wissen, ob es den "Giftschrank" noch gibt und wieviele solcher "Giftschränke" noch an anderen Orten herumstehen.

Lothar de Maizìere, Jurist und der erste und letzte freigewählte Ministerpräsident der DDR, hat die Bollhagen-Ausstellung eröffnet. Deshalb wurde er von er von der Märkischen Allgemeinen interviewt:

Herr de Maiziére, wie kommt es, dass der einzige frei gewählte Ministerpräsident der DDR, von dem wir lange nichts gehört haben, am 21. Juni in Potsdam die Hedwig-Bollhagen-Ausstellung mit eröffnet?

de Maiziére: Meine Tante Eva war eine Kusine von Hedwig Bollhagen. Wir standen schon immer in Kontakt. Bereits in den 50er Jahren sind ich und meine Geschwister regelmäßig zu ihr nach Marwitz gefahren. Wir haben dort von ihr Rohlinge bekommen, die wir bemalt haben. Später waren meine Kinder bei Hedwig Bollhagen, zuletzt meine Enkel.

Sie haben sie auch als Rechtsanwalt vertreten?

de Maiziére: Zunächst mein Vater. 1972 wurde ihr Betrieb, wie alle anderen mittelständischen Unternehmen in der DDR, enteignet und dem VEB Steingutwerk Rheinsberg zugeschlagen. Später kamen die HB-Werkstätten zum Staatlichen Kunsthandel, der 1990 in die Art-Union überging. Ich habe dann in Hedwig Bollhagens Auftrag die Reprivatisierung betrieben. Es ging ja darum, diesen Traditionsbetrieb zu erhalten.

Zum Grundstücksverkauf befragt, heißt es:
Schmälert es die Verdienste von Hedwig Bollhagen, dass sie 1934 den Keramikbetrieb und teilweise auch das Produktdesign von der deutsch-jüdischen Bauhaus-Keramikerin Grete Heymann-Loebenstein übernommen hat?

de Maiziére: Nein, in keiner Weise. Zum einen hat sie nicht deren Betrieb übernommen. Frau Loebenstein hatte den Betrieb 1934 selbst beim Handelsregister abgemeldet. Es handelte sich also um einen reinen Immobilienkauf, nicht um einen Unternehmenskauf. Den Erwerb der Immobilie hat zum anderen nicht Hedwig Bollhagen vorgenommen, sondern ein damaliger Partner, von dem sie erst später den Betrieb übernahm. Der Betrieb siechte seit Ende der 20er Jahre, seit der Wirtschaftskrise, vor sich hin. Er fuhr laufend Verluste ein, und erst Hedwig Bollhagen hat ihn wieder auf Vordermann gebracht.
weiter hier

Genau diese Mechanismen des Verschweigens, Vertuschens und Beschönigens machen es einem immer wieder schwer als Jude in Deutschland zu leben.

Ein Lichtblick ist die Erwiederung von Ursula Hudson-Wiedenmann auf die Ausführungen von deMaiziere, erschienen Mitte Juni in der Märkischen Allgemeinen und nachzulesen. Hier nur die Quintessenz:

Keineswegs etwa "siechte" das Unternehmen Ende der 20er Jahre "vor sich hin", wie de Maizière meint. Die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik waren bis ins Jahr 1931 ein profitabler Betrieb. Verluste sind danach zu verzeichnen, doch waren diese für die Firma niemals existenzbedrohlich. Im Gegensatz zu vergleichbaren Betrieben überstanden die Haël-Werke die schwere ökonomische Krise dieser Jahre. Die Bilanzen von 1927 bis 1932 zeigen ein marktfähiges Unternehmen. Die Investitionen in den Bau eines Bürogebäudes und einen Brennofen für allein 18 500 Reichsmark sprechen für sich. Die Stilllegung der Haël-Werke am 1. Juli 1933 geschah denn auch nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen, sondern unter dem wachsenden Druck, dem die Eigentümerin als Jüdin ausgesetzt war. Im Sommer 1933 wurde sie wegen angeblicher "Verächtlichmachung und Herabminderung der deutschen Staatsautorität sowie wegen minderwertiger Behandlung ihrer bisherigen Arbeiter" von einem ihrer Angestellten bei der NSDAP denunziert. Was die Wirtschaftlichkeit des Betriebes anbetrifft, so findet sich in der Denunziationsakte selbst der Hinweis, dass eine Wiederaufnahme der Produktion "leicht möglich" sei. Vor der drohenden Gestapo-Haft flüchtete Grete Loebenstein nach Bornholm. Zeitgleich wurde ihr gesamter Warenbestand im Wert von 10 000 Reichsmark beschlagnahmt. Im September meldeten die Besitzer der früheren Steingutfabrik Velten Vordamm – eines der Unternehmen, das die Wirtschaftskrise nicht überstanden hatte – mit folgenden Argumenten ihre Absicht zum Kauf der Haël-Werke an: "Aus dem Marwitzer Werk muss mit der Zeit ein deutsches Unternehmen entstehen ohne Einfluss nichtarischer Personen." Es wird empfohlen, mit Grete Loebensteins Vertreter "ganz energisch umzugehen und evtl. anzudeuten, dass auch schliesslich andere Schritte unternommen werden können, um diesen nichtarischen Personen entgegenzutreten."

Wer den ganzen Text lesen will, findet ihn unter der Über-schrift "zur Vorgeschichte der HB-Werkstätten in Marwitz" hier.

Biografie von Grete Loebenstein geb. Heymann

Hier ist ein Foto von Margarethe Heymann-Loebenstein-Marks.
11.7.07 17:20
 



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