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Nach der Wahl ist vor der Wahl ist nach der Wahl?

Vorsichtiger Optimismus ist nach dem Wahlausgang der Repräsentantenversammlung von vielen Seiten zu vernehmen. Die Liste Atid habe doch eine Mehrheit ... das seien doch alles ganz vernünftige Leute - soweit man sie kennt, denn wer kennt schon alle der neu gewählten Repräsentanten? Der große Troublemaker ist auf einem Platz gelandet, wo er nach menschlichem Ermessen auch nicht als Nachrücker in der Repräsentantenversammlung landen wird. Alle haben doch einen guten Willen, sind erwachsene Menschen ...

Es wäre doch zu schön, wenn sich wirklich dauerhaft etwas ändern würde. Aber wir haben bereits schon desöfteren erlebt, wie schnell solche Wahlbündnisse im Alltag auseinanderbrechen. Und noch eine ganz andere Frage ist, wie eine Machtposition Menschen verändert.

Strukturen sind zäh, oft zäher als die Menschen, die sie verändern wollen. Deshalb fand ich einen Artikel von Landesrabbiner Walter Rothschild, der vor der Wahl in einer Sonderausgabe der Jüdischen Zeitung erschien, doch sehr aussagekräftig. Ich habe die Erlaubnis erhalten, den Artikel an dieser Stelle zugänglich zu machen:

Haben wir eine Wahl?
Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist krank. Sehr krank. Vielleicht sogar todkrank. Ich habe leider keine Heilmittel zur Verfügung, kann aber mindestens einige Symptome beschreiben...

Bevor ich versuche die Situation der Berliner Gemeinde zu analysieren, möchte ich mich vorstellen, meine eigene Geschichte erzählen, weil Sie sonst meine Erfahrungen und meinen Blickwinkel vielleicht nicht verstehen würden. Nicht aus Rache, sondern um zu erklären, wer ich hin und warum ich diese Zeilen schreibe.

Ich bin Engländer, seit 1984 liberaler Rabbiner, mit einer Semicha des Leo Baeck College, einem Seminar, das auf den deutschen liberalen Traditionen basiert. Vor etwa 13 Jahren suchte ich eine neue Stelle und nahm Kontakt mit der Gemeinde in Berlin auf, es kam sogar zu einem Gespräch.

Der damalige Vorsitzende, Jerzy Kanal, sagte mir, «Wir haben von Ihnen gehört: Sie werden für sechs Monate vorgeben, dass Sie keine Änderungen einführen wollen - und dann werden Sie versuchen, etwas zu ändern! Aber wir wollen hier keine Veränderungen!». Ich verließ das Gespräch mit der Frage, ob man hier einen Museumsdirektor oder einen Rabbiner wolle.

Ich arbeitete danach in der Karibik und wurde trotzdem 1998 vom nächsten Vorsitzenden nach Berlin eingeladen. Ich hörte von Freunden und Kollegen: «Sei vorsichtig! Geh' nicht dorthin! Es gibt dort immer nur Probleme!» Ich bin trotzdemnach Berlin gekommen, und - ja, es gab Probleme.

Mein Vertrag wurde mehrmals gebrochen: ich wurde gemobbt, ich wurde betrogen und belogen. Das war, scheinbar, ganz normal: der orthodoxe Rabbiner vor mir wurde genau so behandelt und betrogen. Als ich Hilfe bei den Vorstands-mitgliedern suchte, sahen sie gar kein Problem!
Trotzdem erfuhr ich sehr viel Unterstützung und Hilfe von einfachen Mitgliedern und Mitarbeitern. Nachdem der damalige Vorstand rechtswidrig, den Beschluss des Schiedsgerichtes des Zentralrates ignorierend, gehandelt hatte, habe ich für die Repräsentantenversammlung kandidiert. Jetzt hatte ich passives Wahlrecht. Sehr viele haben für mich gestimmt. Ich wurde gewählt und lernte nun von innen heraus wo einige Probleme liegen.

Jetzt konnte ich die Finanzberichte einsehen, jetzt war ich Mitglied des Kultusausschusses und konnte sehen, wie Ausschüsse funktionieren - oder besser gesagt, wie sie nicht funktionieren, wie selten sie tagen, wie wenig Einfluss sie haben, denn sie können nur «beraten» und geben fast nie einen Bericht an die Repräsentantenversammlung - eine reine Zeitverschwendung.

Das Deutsche System

Die Gemeinden hier in Deutschland sind eine Ausnahme weltweit. Sie bekommen den Grossteil ihrer Gelder, manchmal sogar alles, von der öffentlichen Hand. Das bedeutet: Der größte Teil des Geldes, das wir verbrauchen, kommt nicht von uns. Das ist merkwürdig: Wir werden von Nicht-Juden bezahlt, um Juden zu sein!

Ein solches System macht keine guten Juden. Alle meine anderen Gemeinden in England, sowie viele liberale Gemeinden in Deutschland, werden NUR von den Mitgliedern getragen - durch ihre Beiträge, durch Spenden und Fund-Raising. Das heißt, die Gemeinde gehört denen, die dort hingehen und nicht irgendwelchen «grauen Eminenzen», die die Gelder, die Geldquellen und den Zugang dazu kontrollieren - wie hier. Hier kommt das Geld «von oben», nicht von unten.

Hier ist alles zentralisiert, es gibt eine Hierarchie von
Machthabern. Heinz Galinski war 41 Jahre lang alleiniger Chef in Berlin - ein Jahr länger als Mose die Israeliten geführt hat! Ich habe ihn nicht persönlich gekannt, nur vieles von ihm gehört. Irgendwie wurde dieser autokratische Führungsstil akzeptiert, vielleicht war er damals sogar nötig? Diese Struktur funktioniert heute nicht mehr. Interessant ist nur, wie viele Leute jetzt «Demokratie» und «Transparenz» verlangen, die damals gut mit dem anderen System gelebt haben.

Die Probleme liegen nicht in Personen, sondern in den Systemen. Diese möchte ich wie folgt analysieren. Reden wir von einer Gemeinde oder einem Land!

Berlin ist nicht nur eine Stadt sondern zugleich auch ein Bundesland. Der Vorsitzende der Gemeinde sieht sich - Ich rede hier nicht von Herrn A oder Herr B, sondern ganz allgemein - nicht als Vorsitzender einer Religionsgemeinschaft, sondern als Staatsmann, als Vertreter des Judentums der Hauptstadt, in einem Bundesland der Bundesrepublik. Das bedeutet, wenn irgendetwas im Iran passiert oder wenn ein
besoffener rechter Idiot in Thüringen eine Parole schreit, muss der Vorsitzende in Berlin dazu Stellung nehmen. Ich verstehe nicht warum. Er ist nur der gewählte Vorsitzende einer Organisation mit 12.000 Mitgliedern und 400 Angestellten - ist aber kein Staatsmann, tragt keine Verantwortung für die Außenpolitik.

Dennoch nimmt das sehr viel Zeit und Energie in Anspruch.
Vorsitzender in Berlin zu sein ist eine Vollzeitbeschäftigung: seine Anwesenheit wird überall erwartet, bei Gedenk- und Kultur- sowie politischen Veranstaltungen. Nur in die Synagogen gehen die meisten Vorstandsmitglieder nicht.

Reden wir von einer Gemeinde oder einem Betrieb!

Eine jüdische Gemeinde besteht aus Menschen die zusammen kommen um gemeinsam ihre jüdische Identität zu leben. Dafür brauchen sie eine gewisse Infrastruktur und Personal, etwa einen Betraum oder eine Synagoge, einen Friedhof, eine Mikwe, Lehrer oder Rabbiner und Chasane, einen Haus-meister oder einen Geschäftsführer. Es kann schwierig sein für Amateure, die keine Erfahrung in solchen Angelegenheiten haben, als ehrenamtliche Vorstandsmitglieder Entscheidungen über Personal oder Gebäude, über Reparaturen oder neue
Gebetbücher zu treffen, aber zumindest ist die Skala klein.

In Berlin hat die Gemeinde etwa 400 Mitarbeiter. Ein Überblick ist fast unmöglich. Die Gemeinde ist so groß wie ein Betrieb, besitzt mehrere Immobilien- zwei aktive Friedhöfe, eine Kindertagesstätte, eine Grund- und eine Oberschule, Büros, mehrere Synagogen, eine Bibliothek, die Volkshochschule, das Senioren- und das Pflegeheim und mehr - alles ist viel zu viel, um von Amateuren organisiert oder kontrolliert zu werden. Wir reden von Etats in siebenstelligen Höhen - das heisst von Millionen. Wir 21 Repräsentanten, von denen nur wenige kaufmännisches Fachwissen oder finanzwirtschaftliche Erfahrung haben, sitzen einmal im Monat zusammen und müssen über riesige Projekte abstimmen: über den Verkauf von Grundstücken, über Renten, über Neu- und Umbauten, Restaurierungen und Denkmalschutz oder Sicherheits-massnahmen - und wir haben keine Ahnung. Keine Ahnung wie man kompetente Mitarbeiter - einschließlich der Rabbiner und Kantoren - auf einem weltweiten Markt suchen und vor allem bei uns halten kann. Wir sind nicht wirklich kompetent, richtige Entscheidungen zu treffen. Das wird nach der Wahl genau so bleiben. Da machen einige großes Furore über Verträge für Reinigungs- oder Sicherheitsdienstleitungen, da aber zeigt nur, dass sie den Blick auf das Ganze nicht haben.

Wir sind ein Körperschaft des öffentlichen Rechtes - es sollte
Systeme geben, richtige Management-Controllings, Berichtswesen und Finanzkontrollen. Stattdessen werden Zigtausende für Anwälte ausgegeben, keiner weiß warum, oder wer das autorisiert hat. «Es ist ja nur Geld», aber keines aus der eigenen Tasche.

Synagogen und Verwaltung

Berlin hat noch ein merkwürdiges Problem: Zu viele Synagogen! Nicht zu viele zum Beten - ganz im Gegenteil: Ich bin Pluralist und dafür, dass alle ihre Art von Synagogen haben, ob Ashkenasen oder Sepharden, ob orthodox oder konservativ oder liberal. Nein, ich meine: zu viele, um einen Überblick zu haben. Die Beter in Synagoge A haben keine
Ahnung was sich in Synagoge B abspielt und umgekehrt, die Beter bei Rabbiner A hören nie die Predigt der Rabbinern B oder C. Es herrscht eine Ignoranz dahingehend, was es bedeutet, Mitglied in dieser Einheitsgemeinde zu sein: Jeder denkt nur an seine eigene kleine Gruppe.

In Berlin besteht noch immer eine Kluft zwischen Ost und West, zwischen Alteingesessenen und Neuzuwanderern. Diese Neuzuwanderer sind NICHT nur Juden aus den GUS-Staaten, sondern auch Israelis, Amerikaner, Engländer und sogar Deutsche, die konvertieren. Sie alle fühlen sich genau so unwillkommen und schlecht behandelt.

Der jüdische Kindergarten, die Grund- und Oberschule sind weit voneinander entfernt - es gibt keine gemeinsamen Veranstaltungen, keine gemeinsame Identität. Wir haben zwei Friedhöfe und mehrere Mitglieder haben den «anderen» Friedhof noch nie besucht. Büros sind in unterschiedlichen Gebäuden in der ganzen Stadt verteilt. «Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut!»

Viele Mitarbeiter - nicht alle, Gott sei Dank - spielen sich auf wie kleine Beamte. Der Kunde soll kommen wenn es ihnen passt, nicht dann, wenn der Kunde es wünscht! Büros werden wegen der Mittagspause geschlossen - der einzigen Zeit, in der auch die berufstätigen Mitglieder kommen könnten. Aber Mitglieder sind scheinbar nicht wichtig, nur ein Belästigung, denn das Geld fließt noch immer. Oder?

Nein. Jetzt sind die «fetten Jahre» vorbei, ein Defizit ist plötzlich ein Defizit und nicht mehr nur ein Problem für den Berliner Senat. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht alle haben das verstanden.

Ein Fisch stinkt vom Kopfe her

Die Rolle der Rabbiner in der Gemeinde ist zweifelhaft. Theoretisch gab es für viele Jahre einen orthodoxen und einen liberalen Gemeinderabbiner. Weil die Gemeinde jetzt viel größer ist und mehrere Synagogen hat, ist das nicht genug. Endlich hat die Gemeinde das erkannt. In der Synagoge Oranienburger Strasse amtiert jetzt eine Masorti Rabbinerin. Aber sie hat nur eine Drittelstelle! Als ob diese Synagoge keine «echte» rabbinische Betreuung braucht. In den
Synagogen Rykestrasse und Fraenkelufer gibt es garkeinen Rabbiner. Diese Lücke besteht schon seit Jahren, aber außer ein paar Stellenanzeigen tut keiner etwas dagegen. Inzwischen ist es weltweit unter den Rabbinern bekannt, dass die Gemeinde in Berlin den Ruf einer beruflichen Sackgasse wenn nicht sogar eines professionellen Selbstmordes hat. Es wird viel Zeit brauchen, Mühe und Respekt für echte Qualifikation, um dieses Ruf zu verbessern.

In der Synagoge Joachimstaler Strasse gibt es einen orthodoxen Rabbiner der [...] keinen guten Ruf hat. Er musste sogar München deswegen verlassen. Er hat aber einen Vertrag auf Lebenszeit! Und er hat - merkwürdigerweise -- hart gegen die Gründung einer anderen orthodoxen Synagoge gekämpft, nur weil sie sephardisch ist, statt sich daran zu freuen, dass orthodoxe Juden beten möchten.

In der Synagoge Pestalozzistrasse amtiert ein orthodoxer Rabbiner als «liberaler Gemeinderabbiner». Das sagt schon alles. Er hat und pflegt keinen Kontakt zu den liberalen Rabbinerkonferenzen, er interessiert sich überhaupt nicht für liberales Judentum, er erkennt liberale Rabbiner nicht an! Trotzdem ist er dort und wurde seitens des Vorstandes sogar unterstützt, darf allein entscheiden wer in ganz Berlin - nicht nur in seiner Synagoge -jüdisch ist oder nicht. Wer hat ihn angestellt? Der Mann, der jetzt Rabbiner in der Synagoge
Hüttenweg ist, ein ursprünglich privater Verein, der jetzt plötzlich sehr viel Geld von dieser Gemeinde haben möchte!

Es gibt keine Struktur für Jugend- oder Kindergottesdienste - ich habe seit Jahren dafür plädiert, aber ich rede gegen Mauern an. Scheinbar sind viele Machthaber damit einverstanden und zufrieden. Es
besteht aber ein spirituelles Vakuum. Dieses Vakuum wurde nun durch Chabad exploitiert. Und die Gemeinde bezahlt Chabad um das zu tun! Man könnte sagen, mit den Ausnahmen der Synagogen Oranienburger Strasse und Passauer Strasse hat die Gemeinde die Rabbiner, die sie
verdient. Aber das hilft nicht, irgendwelche moralische Werte
durchzusetzen. Wenn die Rabbiner eingeschüchtert oder zufrieden mit ihrer eigenen Macht sind - und ihrer finanziellen Position - wer von ihnen wird dann etwas sagen?

Was wird gewählt!

Jetzt stehen wir wieder von einer Wahl. Es wird interessant sein zu sehen, wie viele Bewohner des Pflegeheims diesmal für eine bestimme Liste stimmen werden. Wir haben die Chance, 21 Repräsentanten zu wählen, die aus ihren Reihen fünf Vorstandsmitglieder wählen. Ich bin mir relativ sicher, dass innerhalb von sechs Monaten wieder sehr viele Streitigkeiten, Vorwürfe und Misstrauensanträge herumfliegen
werden. Denn keiner ist wirklich verantwortlich und das Geld fließt trotzdem für die Projekte die - für bestimmte Leute - wirklich wichtig sind.

Es gab Debatten, ob es besser wäre, als unabhängiger Kandidat oder in Listen zu kandidieren. Ich denke, es macht keinen Unterschied. Individuelle bilden Koalitionen wann sie wollen und Listen fallen innerhalb weniger Monate auseinander - danach ist jeder gegen Jeden. Keiner denkt mehr an den großen Gesamtzusammenhang. In den Sitzungen unterbrechen die Repräsentanten einander, wandern hinaus um mit Fernsehteams zu reden, plaudern miteinander, zeigen überhaupt keinen Respekt für das Präsidium - und wurden nie des Saales verwiesen oder
suspendiert. Viele scheinen großen Spaß daran zu haben und bleiben gern von 17.00 bis 23.00 Uhr, nur, um sich die Zeit zu vertreiben, denn ansonsten kommt nichts dabei heraus. Ab und zu werden Experten eingeladen, um uns zu beraten über Pflegeheime, Steuern, Renten, Immobilien und mehr, sie werden nach ihren Vorträgen ignoriert, denn plötzlich weiß jeder mehr als die Experten. So werden wichtige Entscheidungen monatelang nicht behandelt. Frustrierend? Ja. Kindlich? Ja. Und wer trägt die Verantwortung? Keiner.

Ein Auserwähltes Volk!

Die Probleme sind NICHT nur die des gegenwärtigen oder des vorherigen Vorstandes. Sie liegen im System. Ich habe diese Probleme jetzt über zehn Jahre, durch mehrere Wahlperioden gesehen. Die Gemeinde ist zu gross, als dass jeder jeden kennt der für etwas verantwortlich ist. Beschlüsse werden gefasst, Dinge passieren, und keiner weiß warum. Mit «Deutsche gegen Russen» hat es wenig zu tun. Die meisten Mitarbeiter sprechen russisch, in den Repräsentantenversammlungen sehen wir streitende Leute, die alle in den GUS-Staaten geboren wurden. Ja, es gibt zwar unterschiedliche Kulturen - aber diejenigen, die klagen, wie die «Neuen» mit Macht und Geld umgehen, haben es
selber jahrzehntelang so getan. Diejenigen, die klagen, wie
«unreligiös» die «Neuen» sind, gehen selber kaum in die Synagogen. Diese Ausrede ist in vielerlei Hinsicht nur Heuchelei und entspricht nicht der Wahrheit.

Ich habe dreimal für das Gemeindeparlament kandidiert - einmal als Mitglied einer Liste, zweimal als «lndependent». Aber auch als Repräsentant konnte ich nichts erreichen, konnte ich keine Informationen, keine Antworten auf Briefe und schriftliche Anfragen erhalten. Man wurde entweder als Stimmvieh ausgenutzt oder als «Troublemaker» ausgeschaltet, jetzt habe ich entschieden, meine Zeit für andere Zwecke zu nutzen.

Ich glaube noch an Demokratie und Verantwortung und an die Pflicht, etwas zu unternehmen - wie es in «Pirke Awot» steht: Man wird das Werk nicht vollenden, und trotzdem ist man nicht davon befreit es zu tun. Ich wollte etwas für das Judentum in Deutschland leisten - und das habe ich, in aller Bescheidenheit, geschafft. Aber nicht in Berlin. Einmal fragte mich jemand, welchen Unterschied es für einen Rabbiner
zwischen Aruba in der Karibik und Berlin gebe. Ich sagte: Beides seien zwar Inseln, aber in Aruba schwimmen die Haie im Meer...
28.11.07 00:07
 



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